Neu kaufen ist eine ziemlich neue Idee

Der historische Normalfall war nicht der Neukauf, sondern das Weitergeben.

Vor der Industrialisierung war ein Hemd ein Vermögenswert. Das lag nicht am Stoff, sondern an den Stunden: Flachs oder Wolle mussten von Hand gesponnen, gewebt, gefärbt und genäht werden, und diese Arbeit steckte sichtbar im Preis. Ein einfaches Gewand konnte einen Handwerker mehrere Wochenlöhne kosten. Entsprechend behandelte man es.

Kleidung wurde vererbt. Sie wurde umgenäht, wenn sie nicht passte, und gewendet, wenn die Außenseite verschlissen war – die Innenseite des Stoffs war ja noch frisch. Sie wurde geflickt, an Dienstboten weitergegeben, verkauft, wieder verkauft, zu Kinderkleidung zerschnitten, zu Putzlappen degradiert. Und wenn wirklich nichts mehr ging, landete sie bei den Lumpensammlern und wurde zu Papier verarbeitet. Papier bestand jahrhundertelang aus zerkleinerten Textilien. Ein Kleidungsstück hatte am Ende oft mehr Besitzer als ein Haus.

Der Handel damit war kein Randphänomen, sondern zünftig organisiert. In Paris gab es seit dem Mittelalter die „Fripiers", eine eigene Zunft für Gebrauchtkleidung, mit festen Regeln, Prüfungen und eigenem Standesbewusstsein. In deutschen Städten hießen die Kollegen Altgewandschneider oder Altbüßer und hatten ihre eigenen Marktstände. In London wechselten auf dem berüchtigten Rag Fair Altkleider den Besitzer wie anderswo Gerüchte. Wer dort einkaufte, konnte sich für wenig Geld erstaunlich gut anziehen – gelegentlich in Sachen, die zwei Wochen zuvor noch einem Lord gehört hatten.

Wie sehr die Wirtschaft an alten Textilien hing, zeigt eine Erfindung aus Sachsen. Um 1840 wurde Papier knapp, weil die Nachfrage schneller wuchs als der Vorrat an Lumpen. Der Weber Friedrich Gottlob Keller suchte nach Ersatz und fand ihn im Holz: Er entwickelte ein Verfahren, mit dem sich Fasern aus Holzschliff gewinnen ließen. Die moderne Papierindustrie entstand also aus einem Second-Hand-Engpass.

Erst als Maschinen die Textilherstellung übernahmen, kippte das Verhältnis endgültig. Fabrikware wurde billig genug, um zum Normalfall zu werden, Konfektionsgrößen kamen auf, und Gebrauchtes rutschte in die Rolle des Notbehelfs für Leute, die sich Neues nicht leisten konnten. Ausgerechnet in dieser Zeit, um 1900, entstand der Gebrauchtladen mit fester Adresse – meist getragen von Wohltätigkeitsorganisationen, die Spenden weiterverkauften.

Das Bild vom Second Hand als Notlösung stammt also aus einem sehr kurzen Abschnitt der Geschichte. Davor war Weitergeben schlicht die Art, wie Dinge funktionierten.

Wer heute Second Hand kauft, macht also nichts Neues. Er macht das Ältere.

 

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