Der Flohmarkt trug seinen Namen mit Recht
Warum die Pariser den Namen keineswegs als Kompliment meinten.
Paris, in den 1880er Jahren. Wenn die Stadt schläft, gehen die Chiffonniers arbeiten – Lumpensammler, die mit Haken und Korb durch die Straßen ziehen und aus dem Abfall der Reichen herausklauben, was sich noch zu Geld machen lässt. Stoffreste, Knochen, Glas, Metall, kaputte Schirme, halbe Schuhe. Die Pariser nannten sie „pêcheurs de lune", Mondfischer, was für einen Beruf, in dem man nachts in fremdem Müll wühlt, erstaunlich poetisch ist.

Zwei Dinge machen ihnen das Leben schwer. Erstens hat Baron Haussmann die Stadt umgebaut: breite Boulevards, repräsentative Fassaden, kein Platz mehr für Karren voller Gerümpel. Zweitens erlässt der Präfekt Eugène Poubelle 1884 eine Verordnung, die Hausbesitzer zu geschlossenen Abfallbehältern verpflichtet. Was für die Hygiene ein Fortschritt war, war für die Lumpensammler eine Katastrophe – der Müll war plötzlich weggeschlossen. Zum Trost heißt die Mülltonne auf Französisch bis heute „poubelle". Nach ihm.

Also weichen die Händler nach draußen aus, vor die alten Befestigungsanlagen, in ein Niemandsland namens „la Zone", wo nicht gebaut werden durfte und deshalb niemand genau hinsah. Bei Saint-Ouen im Norden breiten sie ihre Ware auf dem Boden aus. Was als Vertreibung beginnt, wird binnen weniger Jahre zum Markt: Erst kommen die Nachbarn, dann die Sammler, dann die Neugierigen aus der Innenstadt.
Und die rümpfen die Nase. Sie sehen durchgesessene Sessel, Mäntel mit Geschichte, Geschirr mit noch mehr Geschichte, und sie taufen das Ganze spöttisch „marché aux puces" – Flohmarkt. Sie meinen es wörtlich. In alten Textilien wohnte damals gern noch die halbe Nachbarschaft mit, und wer dort einen Mantel kaufte, brachte unter Umständen mehr mit nach Hause als geplant.

Der Spott ging gründlich nach hinten los. Der Name blieb hängen, der Markt wuchs, ab 1885 wurden Standplätze vermietet, später kamen feste Markthallen dazu. Heute ist Saint-Ouen einer der größten Antiquitätenmärkte der Welt und zieht jährlich Millionen Besucher an. Der Begriff wanderte durch halb Europa, wurde ins Deutsche übersetzt und steht inzwischen für ein Vergnügen, für das Leute freiwillig um sechs Uhr morgens aufstehen.
Nach Deutschland kam die Idee vergleichsweise spät. Als erster Flohmarkt hierzulande gilt der Markt am Hohen Ufer in Hannover, der 1967 startete – und bis heute stattfindet. Was in Paris eine Notlösung für Vertriebene war, war in Hannover von Anfang an das, was es überall geworden ist: ein Ort, an dem Dinge eine zweite Chance bekommen.

Die Untermieter sind zum Glück nicht mitgereist.
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